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Wenn ich diesen Titel lese, dann denke ich gleichzeitig an ‘Bäume
umarmen’, ich denke an Frauen mit Blumenkranz im Haar und Batik-Hosen,
irgendwelche Esos die glauben Quantenforschung würde eine Menge
schwachsinniger Bücher rechtfertigen und ihr Workshopquacksalber sei
definitiv mit Jesus zu vergleichen. Wenn ich jemanden sehen würde,
der/die mit Bäumen redet, dann würde ich definitiv nicht vorurteilsfrei
werten. Und Bekannte von mir, die auch eher locker mit dem Thema
umgehen, müssen auch zugeben, dass sie es wenigstens ein bisschen
merkwürdig finden würden.

Ich schlussfolgere daraus eine gewisse gesellschaftliche Unkenntnis,
Abneigung, Ausgrenzung. Zumindest teilweise. Irgendwie sind Leute die
mit Bäumen reden immer noch Hexen.

Wie kommt es aber dass es äußert anerkannt ist mit Hund, Katze, Leguan
oder dem eigenen Baby zu reden – obwohl die Frage nach dem Verstehen
immer noch bleibt: Was verstehen die von dem was wir sagen und welche
Reaktionen können wir als Antworten welcher Art deuten? Oder wie ist es
mit dem Beten? Es gibt in der westlichen Welt immer noch einen Haufen
Leute die zu Gott beten, wer auch immer das ist. Werden die derart
komisch angeschaut wie jemand der mit einem Baum redet?

Sinvoll ist es auch, sich dieser Fragestellung einmal aus der Sicht
anderer Ethnien anzunehmen. Wie denken zum Beispiel
Küsten-Salish-Indianer darüber? Für diese Leute ist es in der Tat
vollkommen normal Bäume oder Steine um Hilfe zu bitten, Geistern Fragen
zu stellen oder ähnliches. Gleichzeitig reden wir in ihrem Kontext von
Naturverbundenheit. Die Stammesangehörigen die am meisten mit Bäumen
reden, die Schamanen der jeweiligen Stämme, sind sogar hoch angesehen
und werden bei verschiedensten Problemen konsultiert. Der Akt der
Kommunikation mit dem scheinbar Geistlosen ist dort kulturell fest
verankert, wo es in den uns näher stehenden Gesellschaften eher
tabuisiert/ausgegrenzt wird.

Der Naturverbundenheit wird die abgeschlossene Isolation vom Natürlichen
entgegengesetzt. Unnatürliche Wohnräume isolieren uns von außen und
untereinander. Untereinander weil alle Wohnungen isoliert sind. Es gibt
in nahezu keinem mir bekannten Wohngebäude Gemeinschaftsräume in der
alle Bewohner sich treffen können. Keinen kommunalisierten Raum. Kein
Public. Nur Private. Innerhalb der ohnehin schon isolierten Wohnungen
geht die Isolation weiter: Die Zeiten in denen 3 Leute in einem Bett und
die Geschwister auf dem Boden schlafen ist vorbei. Die Zeit in der Ochs
und Esel drei Meter von uns entfernt geschlafen haben noch mehr. Das ist
komplett out. In ist: Persönlichkeit, Individualität. Individueller
Style, individuelles Wohnen, konsumieren, arbeiten, Spaß haben. Redet
mensch beim Fernsehen? Der Akt des Fernsehens ist ein vorrangig
privater! In einer Welt in der alles was mensch braucht verfügbar ist:
Essen, Sex, Psychotherapeut, Unterhaltung, Kleidung, Werkzeug etc. sind
wir aufeinander kaum noch angewiesen. Das Sozialkapital – wie manche es
nennen – geht immer weiter zurück.

Und unsere Isolation von der Natur ist so weit fortgeschritten, dass
jede Idee davon schon ein Abenteuer ist. Unsere Naturverbundenheit ist
schon so rudimentär, dass die Vorstellung Zelten zu gehen oder eine
Tomate zu pflanzen sich für uns so anfühlt wie es für einen Orcawal sein
muss, wenn er bei dem Versuch einen Pinguin zu fangen, auf einen
Sandstrand springt und sich dabei kurz zurück erinnert dass seine
Vorfahren einmal Landlebewesen waren. Unser ehemals dichtes
Beziehungsnetzwerk wurde atomisiert und wir bleiben als beziehungslose
Waisenkinder zurück.

Aber kommen wir zurück zum Baum-Talk.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Sprechen mit dem Baum
und dem Sprechen mit einem Menschen? Spreche ich mit einem Menschen so
sage ich Dinge in dem Glauben dass er oder sie mich versteht. Würde ich
mit einem Baum sprechen, könnte ich ja auch annehmen dass er mich
versteht. Bei den meisten Menschen weiß ich nicht einmal ob sie mich
verstehen und ich rede trotzdem mit ihnen. Dann könnte ich bis jetzt
also auch mit einem Baum reden. Prima. Nun aber die Antwort: Der Mensch
antwortet etwas auf das was ich sage. Sinnvoll denke ich vorerst.
Während ich höre was er sagt, während ich sehe wie er gestikuliert und
was seine Mimik ausdrückt (vorher, als ich zu ihm sprach passierte das
gleiche bei ihm) kommen mir Gedanken und Gefühle in den Sinn und ich
entwickle eine Hypothese über seine Aussage. Eine Interpretation á la
‘Was will der Dichter damit sagen?’. Es ist der Versuch dem Sinn zu
geben, was der andere da von sich gibt. Und dieser Versuch läuft
meistens sogar so gut, dass wir uns nicht jeden Tag an die Gurgel gehen.
Aber dabei bleibt es dann auch. Diese Interpretationen haben keinen
Wahrheitsanspruch, es ist mir nicht möglich genau das was der andere
erzählt zu verstehen, niemals. Ich müsste er/sie sein um es zu
begreifen. Das heißt ich rate, was mir auf das Geschwafel, das ich von
mir gebe, geantwortet wird. Und weil ich das den ganzen Tag mache bin
ich bei Menschen auch schon ziemlich geübt darin und mache kaum noch
Fehler. Ich verknüpfe die Eindrücke aus meinen Ohren, meinen Augen und
dem diffusen Gefühlsbrei meines Bauches. Und wenn ich mit einem Baum
rede? Passiert nicht das gleiche? Ich warte auf die Antwort des Baumes
und meine Gedanken und Gefühle verändern sich? Wenn ich mich
konzentriere spüre ich/oder bilde mir ein eine Antwort irgendeiner Art
zu bekommen. Ist da ein Unterschied zwischen Einbildung und
tatsächlichem Wissen, wo ich doch eben aufgezeigt habe, dass es eben
jenes tatsächliche Wissen über die Aussage des Gegenübers nicht gibt?
Ich behaupte dass wir unser Rätselraten, dass wir beim Verständnis von
Menschen tagtäglich üben, genauso gut auch zum Gespräch mit einem Baum
üben können. Ich glaube es ist überhaupt nicht lächerlich, es sei denn
unsere normalen Gespräche sind auch lächerlich – wo wir doch behaupten
wir verstünden einander.
Nun könnte man noch das Argument anbringen „Ja, aber ein Baum hat doch
kein Bewusstsein!“

Ui, Totschlag-Argument.

Dann sage mir dieser hypothetische jemensch doch mal was und wo das
jetzt wieder ist. Dann reden wir gern weiter, ob man was aus
Baumgesprächen lernen kann – oder auch nicht.

nepo von den piratigen cumpaner@s >>> http://piratesparty.wordpress.com

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