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Liliane Koch spricht zur Vereinnahmung des Silcher-Denkmals (Pic: Dieter Ripberger)

Am 5. Januar 2020 hat die Neue Dringlichkeit gemeinsam mit Menschen aus Tübingen und der Welt das nationalsozialistische Silcher-Denkmal zum Mahnmal gegen die Vereinnahmung der Künste durch rassistische und nationalistische Kräfte umgewidmet.

Das originale Denkmal wurde 1941 von württembergischen Nazis erbaut, um den Komponisten Friedrich Silcher zum Vordenker einer völkischen und soldatischen Gesinnung zu stilisieren und die Sangesbewegung für den Nationalsozialismus zu vereinnahmen.

Silchers Lieder sind bis heute weit verbreitet und Vielen bekannt, selbst wenn der Name des Komponisten im kollektiven Bewusstsein kaum noch mit den ‚Volk’sliedern verknüpft ist. Der Komponist von Die Loreley, Alle Jahre wieder, Muss i denn zum Städtele hinaus oder Ich hatt einen Kameraden lebte von 1789 bis 1860 und wurde Jahrzehnte nach seinem Tod von den Tübinger Nationalsozialisten, besonders dem damaligen NSDAP-Kreisleiter, vereinnahmt. Seine Lieder galten als besonders geeignet um die Verbundenheit zur ‚Volk’sgemeinschaft zu stärken und dazu zu motivieren, für diese Volksgemeinschaft in den Krieg zu ziehen.

Dafür wurde mitten in Tübingen, auf der Neckarinsel, ein Denkmal errichtet, das Silcher als Inbegriff Bild nationalsozialistischer Männlichkeitsideale (inklusive seltsam großer Hände und Füße) darstellt, während aus seinem Rücken Figuren aus seinen Liedern herauswachsen. Es finden sich Soldaten mit Stahlhelm, ein abschiedsnehmendes Liebespaar und ein Putto mit geschultertem Gewehr, der eine kriegsbegeisterte Jugend verkörpert. Die Statue ist Teil eines Ensembles, das als Thing-Stätte mit Redekanzel und Chorbühne bis heute Spaziergänger*innen im Weg steht.

Am 5. Januar fanden sich 120 Menschen ein, um das Denkmal feierlich als Mahnmal zu vereinnahmen. Liliane Koch sprach über die Entstehung des Silcher-Denkmals, Lisa Schröter verlas einen Text von Sandra Lang über die Bedeutung von Volksliedern für den Nationalsozialismus, Martin Ulmer von der Tübinger Geschichtswerkstatt machte sich für die Erhaltung des Bauwerks als Gedenkort stark und Nele Solf rief zu einem aktiven und bewussten Umgang mit dem Denkmal und Erinnerungskultur auf.

Drei Lieder Silchers wurden extra für die Veranstaltung umgedichtet und auf den antifaschistischen Anlass angepasst. Der Chor aus Profis, Amateur*innen und spontan enthusiastischen Sänger*innen sang diese Lieder zwischen den Reden, und vereinnahmte Silchers Werk so gegen seine nationalsozialistischen Vereinnahmer.

Zum Abschluss wurde feierlich eine Mahntafel befestigt, die auf die Geschichte des Monuments und seine Umwidmung hinweist. Diese Tafel ist ein Vorschlag an die Menschen in Tübingen. Sie ist nur lose fixiert. Sie soll, wenn das der demokratische Wunsch der Menschen in Tübingen ist, durch eine fest angebrachte, beständige Mahntafel ersetzt werden.

Tafel am Mahnmal gegen die Vereinnahmung der Künste durch rassistische und nationalistische Kräfte vom 5. Januar 2020.

Die artivistische Aktion wurde vom Kollektiv im Rahmen der Arbeit an der Stückentwicklung „Der Widerspruch – Ein Volkslied“ am Institut für Theatrale Zukunftsforschung organisiert. Das Stück wird am 1. Februar Premiere feiern und den Februar hindurch gespielt.

Ein erstes Presseecho gab es vom Schwäbischen Tagblatt: Silcher-Denkmal: Umwidmen statt abreißen

vom Reutlinger Generalanzeiger: Theatergruppe erklärt Silcherfigur zum Mahnmal & Entnazifizierung des Liedervaters

und vom RTF1: Feierliche Vereinnahmung – Silcher-Denkmal soll künftig als Mahnmal fungieren

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