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EIN SECHS-TÄGIGER WORKSHOP ZU POLITISCHEM THEATER UND POLITISCH THEATER MACHEN VOM ZÜRCHER KOLLEKTIV NEUE DRINGLICHKEIT FÜR ZUKÜNFTIGE UND GEGENWÄRTIGE THEATERSCHAFFENDE IN ISRAEL

UNTERSTÜTZT WIRD DIESER WORKSHOP VON:

MERCATOR      EMBASSY

 

SHORT DESCRIPTION IN ENGLISH:

The Workshop INTERRUPTIONS follows the assumption, that as H.T. Lehman, the prolific German theater theorist, writes, „theater is before anything else a form of social gathering and hence, inherently political“.
The workshop seeks to answer several questions: How can performance art fulfill its political potential and keep its integrity at the same time? What is ‚the political‘ within theater and where is it to be found? And finally, how can we, as artists, be effective agents of social/political discussion?
The workshop is directed at (theater)artists and students of (theater)art who wish to examine and broaden the political potential of their own work and want to get to know a variety of strategies, approaches and theoretical backgrounds. The workshop aims to convey practical and theoretical tools for critical/political creative work.
During the 6 day workshop we will analyze a variety of representatives of (European) contemporary and experimental political theater including groups such as Rimini Protokoll, IIPM, Christoph Schlingensief and others. Using the professional background of the participants as a backdrop, we look at the term „political“ in the performing arts context and discuss the conditions and criteria needed in order to create a relevant and effective artistic project. We will use this analysis to inform our work and develop short practical exercises and techniques as well as a performance to be shown at the end of the workshop

BESCHREIBUNG:

Der Workshop INTERRUPTIONS wurde aufgrund mehrfacher Nachfrage von unterschiedlichen israelischen Theaterschaffenden entwickelt. Ausgehend von der Annahme, dass Theater „vor allem anderen (…) eine Form des sozialen Zusammenseins“ ist, und darum inhärent politisch, untersucht der Workshop die Fragen:

Was ist das Politische im Theater? Was heisst es politisch Theater zu machen? Wie kann Theater sein politisches Potenzial erfüllen? Wie können wir, als Künstler_innen, politisch handeln durch unsere Kunst?

Der Workshop nähert sich dieser Frage durch einen Querschnitt zentraler Tendenzen politischer Performance im Zeitgenössischen, europäischen Theater an. Anhand von bestimmten Aufführungen und/oder Performances relevanter Künstler und Theatermacher untersuchen wir ihre Strategien und Neigungen und das Potenzial, das darin liegt. Diese praxisbezogenen Beispiele werden kontextualisiert durch die theoretische Auseinandersetzung mit massgeblichen Theoretikern wie z.B. Hans-Thies Lehmann, Erika Fischer-Lichte, Slavoj Zizek oder Jacques Rancière, um einige zu nennen. Neben der theoretisch-analytischen Dimension schliesst der Workshop eine gleich gewichtete praktische Dimension mit ein. Die Studierenden sind dazu aufgefordert Strategien und Taktiken, die sie sich im Verlauf des Unterrichts erarbeitet haben, in einer Folge von Try-Outs und Experimenten praktisch umzusetzen. Der Praxisteil des Workshops gipfelt in einem Entwurf und einer Umsetzung eines persönlichen Projekts über den gesamten Ablauf des Workshops.

Das übergeordnete Ziel des Workshops ist es, die Teilnehmenden dazu zu ermutigen, sich selbst als wirkungsmächtige Agenten des sozialen und politischen Diskurses zu begreifen, sowie ihnen unterschiedliche Fähigkeiten und künstlerische Verfahren zu vermitteln, die es ihnen erlauben kritisch in Theorie und Praxis bestehen zu können.

Weiter und essenziell stellt der Workshop Verbindungen her zwischen der schweizerischen und der israelischen Kulturlandschaft im Feld der sozial und politisch engagierten Kunst. Das Zürcher Kollektiv NEUE DRINGLICHKEIT, dessen Mitglieder Marcel Grissmer und Miriam Walther Kohn zusammen mit Oded Littman sich für den Workshop verantwortlich zeichnen, kann als Vorbild dienen, als Beispiel, wie es möglich ist, Theorie, künstlerische Praxis und politisches Engagement zu verbinden und dadurch sogar noch mehr Qualität in der Arbeit zu erlangen. Sie können aus ihrer professionellen und privaten Erfahrung und durch ihre Verknüpfung mit weiteren schweizerischen und europäischen Gruppen vermitteln, was es bedeutet hier, in der Schweiz, kollektiv, engagiert Kunst und Aktivismus zu betreiben. Wir sehen im Workshop nicht nur ein Event mit Fokus auf Vermittlung, sondern auch als erste Begegnung einer offenen Plattform für politisch engagiertes Theater und Kunst in der Schweiz mit jungen israelischen Kunstschaffenden, die sich in diesem Feld Austausch wünschen in der Hoffnung auf zukünftige, länderübergreifende  Zusammenarbeit und Kooperation.

 

DIE PERSONEN:

ODED LITTMAN wurde 1978 in Israel geboren. Er ist Regisseur, Dramaturg, Lehrer und Performer. Er stammt ursprünglich aus Israel, wo er einen BA in Theaterregie und Erziehung abschloss. Nach einer kurzen Phase als Regieassistent begann er, eigene Stücke wie „Tmuma“ und „Hasmita“ in der Freien Szene Tel Avivs zu verwirklichen. Sein besonderes Interesse lag dabei auf modernen Interpretationen klassischer Texte. Parallel dazu begann er, im Jugendtheaterbereich Amateure und Schüler zu unterrichten und Regie zu führen, Lehrprogramme zu entwickeln und Workshops zu geben. 2010 zog er in die Schweiz, wo er kürzlich einen MA in Theater und Performance an der Hochschule der Künste Zürich und Bern absolvierte. In der Schweiz hat er seinen künstlerischen Tätigkeitsbereich weiter ausgeweitet und begann, als Tanzdramaturg an verschiedenen Projekten zu arbeiten und als Darsteller als auch als Regisseur in zeitgenössischen Theaterprojekten tätig zu sein. Seine Stücke und Projekte wurden an Spielstätten wie Dampfzentrale Bern, KonzertTheater Bern, Tanzhaus Zürich, Gessnerallee Zürich, Tojo Theater Bern und anderen Orten aufgeführt. Oded arbeitet zurzeit an verschiedenen Projekten, sowohl als Dramaturg als auch als Co-Regisseur, die in der Schweiz, Israel und in den USA stattfinden. Sein Lebensmittelpunkt pendelt zwischen Bern und Tel Aviv.

Marcel Grissmer (*1983 in Saarbrücken) wuchs in den Vereinigten Staaten auf. Nach dem Abitur in Ulm studierte er Politikwissenschaften an der Georg- August Universität in Göttingen. Während dieser Zeit arbeitete er u.a. am Jungen Theater Göttingen als Schauspieler, Regieassistent und Theaterpädagoge. 2007 begann er an der Zürcher Hochschule der Künste ein Theaterpädagogik-Studium, welches er 2012 mit dem Master of Arts in Theaterpädagogik abschloss. Als Gründungsmitgleid des Kollektivs NEUE DRINGLICHEKIT untersucht er Möglichkeiten gesellschaftlicher Wirksamkeit von Kunst und arbeitet als freischaffender Theaterpädagoge an Schulen und Theatern in Deutschland und der Schweiz unter anderem am Schauspielhaus Zürich und für das Schulamt Stadt Zürich. Er arbeitete bereits mit einer Vielzahl von verschiedenen Gruppen: darunter Lehrer_innen, Schüler_innen, Strafgefangene, Senioren_innen, politische Jugendorganisationen und professionelle Schauspieler_innen. Dabei strebt er stets danach persönliche, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge durch und mit Theater und Performance Art zu untersuchen. Zu seinen letzten arbeiten ausserhalb NEUE DRINGLICHKEIT gehören: wirwuerdenhiersein (2013) mit Invisible Playground an der Gessnerallee Zürich.

Miriam Walther Kohn (*1987 in Winterthur) wuchs in Brasilien und in der Schweiz auf. Nach der Matura studierte sie zeitgenössischen Tanz in New York am Tanzkonservatorium The Alvin Ailey School und bei Janet Panetta. Nach ihrem Studium arbeitete sie in Zürich, New York, Berlin und Wien als Regieassistentin, Choreografin, Tänzerin und Regisseurin. Seit 2009 studiert sie Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste. Zurzeit schliesst sie ihr Masterstudium ab. Sie ist Gründungsmitglied des transdisziplinären Künstlerkollektiv NEUE DRINGLICHKEIT, welches in Zürich basiert ist und 2010 gegründet wurde. Das Kollektiv NEUE DRINGLICHKEIT, hat sich dem Versuch verschrieben, die Rahmen „Kunst“ und „Politik“ und „Leben”, aber auch die Disziplinen-Rahmen innerhalb der „Kunst“ aufzuweichen, zu überlagern, zu brechen. http://www.nd-blog.org Zurzeit arbeitet sie ebenfalls mit dem Theaterkollektiv Markus&Markus und am Stadttheater in Perm, Russland. Im Februar war sie Teil der Jury am 100° Festival in Berlin 2014. Seit November 2013 co-leitet sie die Aktionsgruppe des Maxim Theater Zürich. Hauptsächlich arbeitet sie als Regisseurin, Kuratorin, Performerin, Produktionsleiterin und Geschäftsführerin. Weiter ist sie stark am kulturpolitischen Kontext interessiert und ist aufgrund dessen seit April 2014 im Vorstand von ACT Zürich (Berufsverband Freischaffender Künstler) tätig.

 

WANN & WO FINDET DER WORKSHOP STATT :

Der Workshop wird erstmals an zwei Institutionen stattfinden. Das “Sadnao’t Habama” und das “Seminar Kibbutzim” sind Mitte Mai und Mitte Juni 2014 Gastgeber des Workshops INTERRUPTIONS.

Das Sadnao’t Habama ist ein Weiterbildungszentrum für professionelle Bühnenkünstler_innen. Es ist ein in seiner Art einzigartiges Institut, welches seit 2002 führende Künstler_innen aus Israel und aller Welt als Dozenten für ihr jährliches Programm engagiert. In den Feldern Schauspiel, Regie, Tanz, Szenisches Schreiben und anderen, können Studierende – meist professionelle Bühnenkünstler, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen in einem bestimmten Feld erweitern möchten – Kurse belegen. Die Studios des Sadnao’t Habama befinden sich im Süden Tel Avivs. www.stage-center.org

Das Seminar Hakibbutzim in Tel Aviv ist eines der grössten und etabliertesten Hochschulen Israels. Als Pädagogische Hochschule gegründet, bietet das Seminar Hakibbutzim eine Reihe weiterer Ausbildungsgänge in den Künsten sowie im therapeutischen Bereich an. Neben Film, Mediale Künste und Tanz beherbergt die Kunstfakultät auch den Bereich Theater, der Gastgeber des Workshops ist. Der Fachbereich Theater bietet Studiengänge in Schauspiel, Regie, Theaterpädagogik und Bühnenbild an und gilt als eines der renommiertesten Theaterakademien Israels. Der Campus der Hochschule umfasst mehrere Theater- und Tanzaufführungsorte.

http://www.smkb.ac.il/en/theater

                                                                INTERRUPTIONS 1

MEHR ZUM INHALT UND DER ZIELSETZUNG DES WORKSHOPS:

AUSGANGSLAGE. Vor einigen Monaten hielt ein Lehrer an einer israelischen High School eine Diskussion im Klassenzimmer über einige umstrittene politische Themen ab. Während der Diskussion wiederholte einer seiner Schüler eine in Israel weit verbreitete Auffassung und Vorstellung bezüglich der Israelischen Armee. Der Lehrer zweifelte im Rahmen der Diskussion an dieser Auffassung und stellte ihr Alternativen entgegen. Daraufhin beklagte sich jener Schüler bei einem rechtsgerichteten Knesset-Mitglied über den Lehrer. Die Beschwerde des Schülers hatte weitreichende Konsequenzen. Nicht nur wurde der Lehrer umgehend suspendiert und nach seiner Kündigung verlangt, er erhielt Todesdrohungen und wurde von Politikern und anderen öffentlichen Figuren vehement attackiert und denunziert. Weil er eine offene Diskussion in seinem Klassenzimmer abgehalten hat, wurde ihm vorgeworfen er „unterrichte Meinungen und Werte, die den Staat Israel untergraben“. Nach langem rechtlichen Hin und Her und öffentlichen Protesten, wurde sein Name geklärt und er durfte weiterhin an seiner Schule unterrichten. Das Signal, allerdings, ist klar. Ein Pädagoge (oder jede andere öffentlich agierende Person) sollte sich dringend davor hüten Äusserungen von sich zu geben, die dem rechten politischen Zeitgeist widersprechen. Das ist derzeit das Klima des politischen und sozialen Diskurses in Israel. Der oben beschriebene Fall ist typisch und exemplarisch für den politischen Wind, der seit etwa zehn Jahren durch Israel weht und in den letzten paar Jahren noch stärker geworden ist. Wir wollen mit dem Workshop INTERRUPTIONS – UNTERBRECHUNGEN den Studierenden im Feld der darstellenden Künste einen Impuls geben diesem Wind widerstehen zu können und ihm kreativ, künstlerisch und politisch bewusst entgegenzutreten.

ZIELE DES WORKSHOPS. Inhaltlich: Jungen israelischen Künstler_innen praktische und theoretische Tools vermitteln, die es ermöglichen zeitgenössische, kritische Kunst zu machen. Zu einer offenen und pluralistischen öffentlichen Diskussion beitragen. Die Studierenden mit relevanten Strömungen und Zugängen weltweiter politischer Kunst bekannt machen. Die Auffassung des Begriffs: „politisch“ erweitern, und in diesem Zusammenhang was politisches Theater heissen kann. Methodologisch: Die berufliche und künstlerische Praxis der Teilnehmenden als Referenzrahmen unserer Überlegungen hochhalten. Positionen und Haltungen der Workshop-Leitung offen legen und zur Debatte stellen. Eine Plattform für zukünftige Kooperationen zwischen israelischen und schweizerischen Künstlern im Bereich der politisch engagierten Kunst schaffen.

BEGRÜNDUNG DES PROJEKTS. Israels Gesellschaft befindet sich im Wandel. Im Streit zwischen Israels ethnisch-religiöser Identität und seine Identität als rechtsstaatliche Demokratie kommen Prinzipien wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung und andere liberale und pluralistische Werte und Institutionen ständig unter heftigen Beschuss. Im kulturellen Feld äussert sich das unter anderem in konkreten Fördermassnahmen der Regierung zugunsten nationalistischer Kunst, e.g. „Der Preis des Kulturministeriums für künstlerisches Schaffen im Feld des Zionismus“ gestiftet 2012. Auf einer etwas subtileren Ebene kann man feststellen, dass die totale finanzielle Abhängigkeit der führenden Kulturinstitutionen von der Regierung, und die damit einhergehende implizite Erpressbarkeit, dazu führt, dass diese Kulturinstitutionen politische Inhalte als ganzes meiden. Ein kurzer Blick auf den Spielplan von Februar 2014 der vier grössten Theater von Israels kulturellem Zentrum, Tel Aviv, macht deutlich, dass von 75 Produktionen nur drei einen explizit politischen Inhalt haben. Eines ist eine leichte Komödie über Skandal und Intrige fiktiver Knesset-Mitglieder und die anderen beiden Stücke sind Brechts „Mutter Courage“ und Sophokles „Antigone“. Texte, die als inhärent politisch gelten, die jedoch so fest im Kanon der Theaterliteratur verankert sind, dass sie ihre politische Virulenz kaum noch entfalten können. Natürlich ist die Frage wie politisch/gesellschaftlich relevante Kunst aussehen soll zurecht und glücklicherweise umstritten. Nichtsdestotrotz finden wir die Tatsache, dass in einem solch konfliktreichen, gespaltenen und disparaten Land, in einem zufällig gewählten Monat, kein einziges Stück auf den Spielplänen steht, das direkt mit einer der vielen offenen Wunden israelischer Gesellschaft umgeht – der Israel/Palästina Konflikt, der Konflikt zwischen Säkularen und Religiösen, der Zustrom einer hohen Anzahl afrikanischer Flüchtlinge, Korruption, um nur einige zu nennen – alarmierend und zutiefst besorgniserregend. Wir sind in Israel im Moment Zeuge davon, wie ein wichtiger und potenter Katalysator sinnvollen, öffentlichen, gesellschaftlichen Diskurses, nämlich die darstellenden Künste, aus den verschiedensten Gründen, schweigen. Trotz der mutigen und engagierten Arbeit, der man gelegentlich in der Freien Szene begegnet, wird der_die durchschnittliche junge, israelische Theatermacher_in systematisch entmutigt politisch engagiertes Theater zu versuchen. Es mangelt an Austausch darüber, es mangelt an Inspiration und vor allem mangelt es an professionellem Unterricht und Möglichkeiten für junge Theatermacher_innen sich damit an den Ausbildungsinstitutionen zu beschäftigen. Unser Workshop trägt dazu bei diese Lücke zu füllen. Wir vermitteln jungen Künstlern und Theatermachern Werkzeuge und Strategien, um durch das Theater sinnvoll in den bestehenden Diskurs einzugreifen und ihn mitzugestalten. Wir erhoffen uns, in einem Land, das für die politische Stabilität der Welt so wichtig ist, aber gerade einen verhängnisvollen Abhang herunter zu rutschen droht, beitragen zu können, zu einer lebendigen, offenen und freien Diskussionskultur. Der Workshop stellt Verbindungen her zwischen der schweizerischen und der israelischen Kulturlandschaft im Feld der sozial und politisch engagierten Kunst. Das Zürcher Kollektiv NEUE DRINGLICHKEIT, dessen Mitglieder Marcel Grissmer und Miriam Walther Kohn zusammen mit Oded Littman sich für den Workshop verantwortlich zeichnen, kann als Vorbild dienen, als Beispiel, wie es möglich ist, Theorie, künstlerische Praxis und politisches Engagement zu verbinden und dadurch sogar noch mehr Qualität in der Arbeit zu erlangen. Sie können aus ihrer professionellen und privaten Erfahrung und durch ihre Verknüpfung mit weiteren schweizerischen und europäischen Gruppen vermitteln, was es bedeutet hier, in der Schweiz, kollektiv, engagiert Kunst und Aktivismus zu betreiben. Wir sehen im Workshop nicht nur ein Event mit Fokus auf Vermittlung, sondern auch als erste Begegnung einer offenen Plattform für politisch engagiertes Theater und Kunst in der Schweiz mit jungen israelischen Kunstschaffenden, die sich in diesem Feld Austausch wünschen in der Hoffnung auf zukünftige, länderübergreifende  Zusammenarbeit und Kooperation.

METHODOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN ÜBER DAS POLITISCHE IN DER KUNST. Die grundlegende Annahme auf der die Inhalte und die Struktur des Workshops basieren, ist eine scheinbar paradoxe Behauptung: Theater kann nur politisch sein, wenn es den existierenden gesellschaftlichen und politischen Diskurs unterbricht. Der existierende politische Diskurs in einer gegebenen Gesellschaft, die Art und Weise wie Politik verhandelt wird und wie darüber gesprochen wird, wird nicht unbedingt von der Öffentlichkeit geformt, sondern vor allem von Elementen, die in der Position sind, die Art und Weise wie über etwas gesprochen, gedacht und verhandelt wird, zu bestimmen. Das sind in den meisten Fällen die politische und wirtschaftliche Elite, die Medien und andere Elemente mit kaum beschränktem Zugriff auf Ressourcen bei gleichzeitiger grosser Reichweite. Der etablierte politische Diskurs kann auf den ersten Blick als eine offene demokratische Diskussion erscheinen, ist jedoch bei näherem Hinsehen ein Werkzeug um gegenwärtige Machtstrukturen aufrecht zu erhalten, da das, was innerhalb dessen geschieht kaum gefährlich werden kann. Ein Theater, das sich mit allgemein akzeptierten politischen Themen durch eine konventionelle Theatersprache beschäftigt – im Streben danach politisch relevant zu sein – ist häufig in Gefahr den hegemonialen Diskurs schlicht zu reproduzieren und damit unfreiwillig zu einem Diener etablierter Machtstrukturen zu werden. Um dieser (unfreiwilligen) Komplizenschaft aus dem Weg zu gehen muss ein Theater, das wirkungsmächtig sein will, nicht nur Themen und Inhalte ansprechen, sondern auch die Art und Weise wie über diese Themen gesprochen wird. Es muss unsichtbare Formen des Diskurses sichtbar machen. Diese Sichtbarmachung der Regeln, denen der Diskurs unterliegt, lässt sie veränderbar werden. Dies gelingt am besten, wenn man den Diskurs und die Regeln unterbricht. Das Aussetzen, die Pause, die Unterbrechung lässt das Normale, das Übliche, das Hegemoniale erst sichtbar werden. Und das kann die Kunst und das Theater leisten – auch auf sich selbst bezogen: Das Theater muss Fragen nach der Art und Weise stellen, wie es selbst als öffentliches, soziales und politisches Event funktioniert. Um Jean-Luc Godard zu paraphrasieren, geht es nicht darum politisches Theater zu machen, sondern darum politisch Theater zu machen.

SKIZZE DES WORKSHOPS. Ausgehend von der Annahme, dass Theater „vor allem anderen (…) eine Form des sozialen Zusammenseins“ ist, und darum inhärent politisch, untersucht der Workshop die Fragen: Was ist das Politische im Theater? oder um es praxisbezogener zu formulieren: Wie kann Theater sein politisches Potenzial erfüllen? Wie können wir, als Künstler_innen, politisch handeln durch unsere Kunst?

Der Workshop nähert sich dieser Frage durch einen Querschnitt zentraler Tendenzen politischer Performance im Zeitgenössischen, europäischen Theater. Anhand von bestimmten Aufführungen und/oder Performances relevanter Künstler und Theatermacher untersuchen wir ihre Strategien und Neigungen und das Potenzial, das darin liegt. Diese praxisbezogenen Beispiele werden kontextualisiert durch die theoretische Auseinandersetzung mit massgeblichen Theoretikern wie z.B. Hans-Thies Lehmann, Erika Fischer-Lichte, Slavoj Zizek, oder Jacques Rancière, um einige zu nennen. Neben der theoretisch-analytischen Dimension schliesst der Workshop eine gleich gewichtete praktische Dimension mit ein. Die Studierenden sind dazu aufgefordert Strategien und Taktiken, die sie sich im Verlauf des Unterrichts erarbeitet haben, in einer Folge von Try-Outs und Experimenten praktisch umzusetzen. Der Praxisteil des Workshops gipfelt in einem Entwurf und einer Umsetzung eines persönlichen Projekts über den gesamten Ablauf des Workshops. Das übergeordnete Ziel des Workshops ist es, die Studierenden dazu zu ermutigen, sich selbst als wirkungsmächtige Agenten des sozialen und politischen Diskurses zu begreifen, sowie ihnen Fähigkeiten und künstlerische Verfahren zu vermitteln, die es ihnen erlauben kritisch in Theorie und Praxis bestehen zu können.

THEORIE UND INHALT. Es gibt drei Theorie Themenblöcke: 1.Der erste ist ein Überblick allgemeiner politischer Theorie. Wir beziehen uns vor allem auf Jacques Rancière und seine Unterscheidung zwischen Polizei und Politik. Weiter nehmen wir Bezug auf Slavoj Zizek und Gayatri Spivak, betreffend der Theorie des „Post-Kolonialismus“. Diese erste Erörterung will vor allem die Studierenden dazu bringen sich ihrer eigenen Vorstellung und Auffassung von dem Politischen bewusst zu werden, während sie gleichzeitig mit alternativen und breiter gefassten Auffassungen des Begriffs konfrontiert werden. Diese Auseinandersetzung, die unter anderem auf die Bedeutung des Wortes ausgerichtet ist – z.B. mit Fragen wie: Was ist das Politische? Und, was ist politisch? – ist gerade in Israel sehr virulent. Im gegenwärtigen Diskurs innerhalb Israels ist das Wort „politisch“ so stark mit dem Israel/Palästina Konflikt verknüpft, dass sich das Wort ausserhalb dieses Kontextes fast nicht sinnvoll gebrauchen lässt. So waren die landesweiten Proteste  während des Sommers 2012 trotz ihres offensichtlichen und vehementen politischen Impetus von allen Beteiligten als „soziale“ Proteste deklariert, um dem Minenfeld des etablierten „politischen“ Diskurses aus dem Weg zu gehen. Sich aber das Wort „politisch“ ausserhalb eines gegeben Kontextes zu verbieten, beschneidet die Möglichkeiten in anderen Feldern aktiv zu werden, da bestimmte gedankliche Zugänge, die mit der Idee des Politischen verknüpft sind, nicht zugänglich sind. So ist es hier erst mal Aufgabe die Bedeutung des Wortes zu erweitern und neue Herangehensweisen zu ermöglichen. 2.Der zweite Theorieblock ist ein Überblick des Perfromative-Turns innnerhalb der Sozialwissenschaften. Wir beziehen uns dabei vor allem auf die Werke von Erika Fischer-Lichte, da sie die performative soziologische Perspektive innerhalb der darstellenden Künsten verortet und kontextualisiert. Andere Theoretiker, die wir beachten sind Judith Butler und Michel Foucault, die ihrerseits die konstruierte und performative Natur unserer Diskurse und damit ihre Veränderbarkeit betonen. 3.Der dritte Theorieblock befasst sich mit der deskriptiven Theorie Hans-Thies Lehmanns, die er unter dem Begriff post-dramatisches Theater zusammenfasst. Er identifiziert Kriterien, Parameter und Indikatoren von Theater, welche sich von einer servilen Beziehung zu einem präexistentem Text befreit haben und damit zu  Ermächtigern und Befähigern von demokratischeren und freiheitlicheren Beziehungen zwischen den theatralen Mitteln werden. Diese Diskussionen, die sich aus der theoretischen Beschäftigung ergeben sind nie hermetisch geschlossen, sondern immer mit Bezug auf die Frage nach der Bedeutung für die eigene künstlerische Praxis. Um das Verhältnis dieser Theorien zur Praxis zu erläutern nehmen wir Beispiele von zeitgenössischen Theatermacher_innen und Performance Künstler_innen zur Hand und analysieren sie unter ausgewählten Kriterien und Parametern innerhalb des theoretischen Referenzrahmens. Zu diesen Künstler_innen gehören u.a. Gob Squad, Rimini Protokoll, Christoph Schlingensief, Milo Rau, Yes Men, Voina Group, Pussy Riot wie auch Beispiele die von den Studierenden angetragen werden. Einige der Parameter die uns in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen möchten wir hier kurz ansprechen.

Hierarchie. Hierarchie als strukturgebendes Element innerhalb eines Produktionsprozess wird oft übersehen, oder als selbstverständlich und unveränderbar wahrgenommen. Strukturen des Produktionsprozess wirken sich jedoch auf das Produkt aus. Wir untersuchen wie ein Neudenken von Hierarchie den kreativen Prozess befruchten kann und zu Formaten führt, die Gesellschaft anders und neu denken. Wir werfen einen Blick auf Hierarchien zwischen Menschen: Kollektive im Gegensatz zu Einzelkünstler_innen, oder kollektive Autorschaft im Gegensatz zu singulärer Autorschaft. Somit betrifft es in erster Linie die Frage nach Autorschaft und Verantwortung. Wir beschäftigen uns aber auch mit der Hierarchie der theatralen Mittel. Wir stellen das Primat des Textes der postdramatischen Gleichheit der Elemente gegenüber, wie auch die Rolle des Zuschauers zwischen passiven Konsumenten und aktivem Gestalter. Auch die Hierarchie zwischen Produkt und Prozess wird unter die Lupe genommen, wie auch die Unterscheidung zwischen Laien und Professionellen.

Kontextualisierung. Wir untersuchen welche Möglichkeiten dem Theatermacher zur Verfügung stehen die erweiterte Wirklichkeit um ihn und der Produktion herum als Material für den kreativen Prozess zu benutzen. Wann und wie kann es sinnvoll sein, Produktionsbedingungen zum Gegenstand der Aufführung zu machen? Wie kann man Transparenz als effektive politische Geste benutzen? Wie kann man Veranstalter, Geldgeber und kulturpolitische Akteure ‚in Szene setzen‘ oder ansprechen? Auch die Frage nach dem Ort einer Aufführung spielt eine Rolle: Site-Specific-Performance und die Implikationen für den öffentlichen Raum, sowie das Element der öffentlichen Unsichtbarkeit einer Black-Box-Performance.

Beziehung zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Wir gehen auf die Frage ein wie Theater das Oszillieren zwischen Realität und Fiktion nutzen und herstellen kann. Wie das Spiel mit Fiktion und dokumentarischem Material ein Spiegel der Konstruktion und Dekonstruktion von Diskursen sein kann. Oder worin das Potenzial dokumentarischer Theaterformen im Aufzeigen von Wirklichkeiten als ständig performativ hervorgebracht, liegen kann (Reenactments, Dokumentar-Theater, Unsichtbares-Theater, Experten-Theater).

PRAXIS UND STRUKTUR. Der Workshop ist auf 5.5 Tage ausgelegt. Er besteht aus einem Theorie und einem Praxis Teil. Die Tage beginnen jeweils mit einem Theorie-Input aus einer der drei Themenblöcke und einer gemeinsamen Diskussion der Vorgestellten Ideen. Der Praxis Teil des Workshops findet jeweils am Nachmittag statt. Den Studierenden werden Aufgaben gegeben die speziell mit einer bestimmten Idee oder Theorie korrelieren, die am Tag diskutiert worden ist. Je nach dem um welchen Aspekt es sich handelt, können das Aufgaben und Übungen sein, die sich mit Zuschauerpositionierung beschäftigten, Aufgaben in denen es um Interventionen im öffentlichen Raum geht mit Beachtung der Ebenen von Realität und Fiktion, oder Etüden, die sich mit der Sichtbarmachung von Regeln und Konventionen fokussieren. Es können auch methodologische Übungen sein, die sich mit kollektiver und multipler Autorschaft beschäftigen. Der Praxis Teil endet am letzten Tag mit einer Werkschau. Für diese Werkschau sollen die Studierenden eine Performance/Stück/Intervention kreieren, dessen Inhalte und Formen sie für dringlich und wichtig halten. Das Heranführen und Coachen dieser Werkschau findet durch den gesamten Workshop statt.

RISIKEN. Ein Aspekt, der nicht ausser Acht gelassen werden darf in der Umsetzung eines solchen Grenzen überschreitenden Vorhabens, ist die Geste mit der man es macht.  Allzu oft schleicht sich eine europäische Hybris in solche gutgemeinten Projekte ein, nach dem Motto, „wir gehen da jetzt mal hin und zeigen denen, wie es richtig gemacht wird“. Obwohl einer der Teammitglieder Israeli ist, besteht durch die dominante europäische Präsenz in der Finanzierung, im Inhalt und im Team die Gefahr oben genannter bevormundenden Haltung. Eine solche Haltung würde höchstwahrscheinlich den Workshop für die Studierenden obsolet machen, da die wirklichen Bedürfnisse der Studierenden nicht erkannt würden. Überdies könnte der Workshop sogar kontraproduktiv wirken:  Es bestünde die Gefahr bestehende Bewältigungsmechanismen der israelischen Kultur im Themenfeld des Workshops zu untergraben, da sie aus einer europäischen Perspektive nicht erkannt und verstanden werden, allerdings im israelischen Kontext eine wichtige Funktion erfüllen. Schliesslich könnte der Workshop verunmöglicht werden durch gerechtfertigten Widerstand oder gar Feindseligkeit der Studierenden in Anbetracht der Tatsache, dass der Workshop und das Team auf ihren kulturellen Hintergrund und ihren Kontext herabblicken. Begriffe wie Imperialismus, Nabelschau und kultureller Kolonialismus kommen in den Sinn. Weder haben wir ein Patentrezept noch eine Garantie, dass wir nicht in diese Problematik verwickelt werden. Wir können jedoch einge Vorsichtsmassnahmen erörtern, die uns in diesem Zusammenhang helfen können. Erstens, ist die Anwendung der Prinzipien der Kontextualisierung und der Transparenz auf den Workshop selbst von grosser Bedeutung. Wir teilen mit den Studierenden die oben genannte Problematik und führen eine offene Auseinandersetzung über die Gefahren und Potenziale interkulturellen Arbeitens. Wir sind sensibilisiert dieser Thematik gegenüber und räumen den Erfahrungen und Ansichten der Studierenden viel Platz ein. Zweitens, ist ein Teil des Workshops bestehender politischer Kunst in Israel gewidmet. Aufgrund von Beispielen, die die Studierenden selbst mitbringen, untersuchen wir welche Formen und Themen bereits in der israelischen Kulturlandschaft existieren und warum. Drittens, kommt die Transparenz auch in der Ausschreibung des Workshops zu Tage. Wir sind von Anfang an klar darüber, dass wir den Workshop auf europäische Perspektiven und Erfahrungen aufbauen. Das tun wir allerdings nicht aus der Überzeugung heraus, dass diese Formen die einzig relevanten sind, sondern, dass es eine Perspektive ist, in der wir uns auskennen  und der wir auch in anderen Kontexten Relevanz zutrauen. Viertens, ist die Zusammensetzung des Leitungsteams zu nennen. Oded Littmann ist selbst Israeli und seine Gegenwart ermöglicht uns ein tieferes Verständnis israelischer Kultur, welches die Gefahr von Missachtung und Missverständnis massgeblich reduziert. Oded, der seine künstlerische Ausbildung sowohl in Israel als auch in der Schweiz erhielt, kann helfen Lücken im Verständnis von Kultur, Kunst und gesellschaftlicher Wahrnehmung zu überbrücken. Weiter sind Marcel Grissmer und Miriam Walther Kohn sehr erfahren im Kontext interkultureller Arbeit. Also, neben der praktischen Arbeit sind sie in den grundlegenden Diskursen und Theorien betreffend Post-Kolonialismus, Critical-Whiteness und Othering. Sie haben unter anderem in Serbien, den USA und Deutschland gearbeitet und kennen die Gefahren interkulturellen Arbeitens sehr genau. Zusammen haben sie bereits mehrere Monate in Israel künstlerisch gearbeitet und sind daher vertraut mit diesem speziellen Kontext. Auch die persönlichen Biografien der drei Teammitglieder sind geprägt vom Pendeln zwischen  Kulturen. So ist es kein Zufall, dass Oded, Miriam und Marcel sich gefunden haben und sich mit ihren Erfahrungen und Fähigkeiten hervorragend komplementieren um jetzt diesen Workshop ins Leben zu rufen. Zusammenfassend kann man sagen, dass wir keinesfalls die Risiken oder die Kritik an der Art solcher Projekte, wie wir es vorhaben, missachten. Jedoch glauben wir, dass solche gerechtfertigte Befürchtungen Menschen aus unterschiedlichen Ecken der Welt nicht davon abhalten sollte miteinander zu reden, sich auszutauschen und Wissen zu teilen. Wissen, das sehr positive Wirkungen haben kann wenn es richtig vermittelt wird: relativ, nicht dogmatisch, als eine Möglichkeit, nicht als die Wahrheit. Schliesslich, und vielleicht das Stärkste was wir oben genannten Befürchtungen entgegenzusetzen haben, ist unser grosser Wunsch und unsere zwingende Absicht nicht nur zu lehren, sondern ganz genauso zu lernen.

 

 

 

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