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Abertausende von Worten. Geschrieben, gesagt, geschrieen, gedruckt. In
jedem Augenblick ist jeder Wimpernschlage Taktgeber für eine Flut von
verbalen Nichtigkeiten und Wichtigkeiten. Aber es ist nicht nur die
schiere Menge, die inflatiöse Benutzung von Worten, sondern die blanke
Beschaffenheit von Sprache, und ihre Beschneidung zu einem effizienten
Kommunikationsmittel, die sie zu einem äusserst unzulänglichen Mittel
für gegenseitiges Verstehen machen. Eine genormte zwischenmenschliche
Tauschwährung.

Zum Einen ist Arbiträrität eines ihrer grössten Mankos: Es gibt keinen
onomatopoetischen oder synästhetischen Grund, warum die Kaffeetasse als
solche bezeichnet werden sollte da sie abstrakt betrachtet weder nach
Kaffeetasse riecht, klingt, schmeckt, oder sich so anfühlt. Das Wort
„Kaffeetasse“ ist ein abstraktes Konstrukt, eine Bezeichnung für ein
Gefäss, dessen physische Eigenschaften es als Behältnis für heisse,
schwarze Flüssigkeit prädestinieren. Man beachte hier, dass auch die
Begriffe Gefäss, Flüssigkeit und schwarz arbiträr sind.

Zum Zweiten ist ein Wort immer ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von
Gegenständen, Geschichten und persönlicher Konnotationen die
mitschwingen. Sag ich „Kaffeetasse“, sehe ich vor meinem geistigen Auge
meine Lieblingskaffeetasse. Gleichzeitig rieche ich möglicherweise alle
Kaffees die ich je getrunken habe und die, auf die ich noch Lust haben
werde. Ich denke an alle Leute, mit denen ich Kaffee trinken möchte und
gleichzeitig an die unfairen Produktionsbedingungen der dünnen Brühe die gerade jetzt vor mir in einer weissen Tasse mit blauen Punkten auf
meinem Schreibtisch steht. Es ist also völlig absurd davon auszugehen,
dass mein Gegenüber dasselbe meint und denkt wenn er „Kaffeetasse“ sagt.

Slavoj Žižek sprach kürzlich in Zürich darüber, ob Kunst gefährlich sei
und wählte Poesie als ein Beispiel. Žižek meinte treffend, „we have to
torture language in order not to torture people“. Man müsse die Worte
nehmen und sie zwingen sich gegen sich selbst zu wenden und sie so zu
entschärfen und zu entwaffnen. Übertragen auf diesen Text bedeutet das,
dass wir uns dieser abstrakten und arbiträren Natur jedes Sprach-Systems bewusst sein müssen und sie uns immer wieder vor Augen führen müssen, wenn wir uns gegenseitig verstehen wollen! Nicht umsonst sagt man, dass ein Bild mehr sagt als 1000 Worte. Nicht das ein Stilleben einer Kaffeetasse weniger abstrakt wäre in seinem Verhältnis zum
Gesamt-Konzept, aber im Gegensatz zum Wort ist es nicht arbiträr und
verschleiert nicht, dass es nur für eine einzige „Kaffeetasse“ stehen
kann und höchstens stellvertretend für die Idee. Solange also Sprache
nicht ein Wort für jede einzelne Kaffeetasse findet, wird sie ungenau
und abstrakt sein.

Schön auf den Punkt bringen lässt sich das mit der Betrachtung von
Taufnamen. Es ist einleuchtend, dass das Wort „Mensch“ eine äusserst
unzureichende Beschreibung für die ganze existierende Vielfalt von
Menschen ist. Die Tatsache, dass wir jedem Kind einen eigenen Namen
geben und es in seiner Einzigartigkeit benennen möchten, zeigt doch,
dass wir grundsätzlich verstanden haben! Wir haben eigentlich begriffen, dass es konsequenterweise notwendig ist, jedem Menschen mit einem einmaligen – ihm eigenen Namen zu versehen – um seiner Einzigartigkeit gerecht zu werden. Die Erkenntniss, dass jedes Objekt eine eigene Bezeichnung bräuchte ist unschätzbar wichtig.

Mir ist durchaus bewusst, dass wir da einem Problem gegenüberstehen das vermutlich schwer oder nicht zu beheben ist. Ausserdem sind
Sammelbegriffetändigung unpräzise machen und echtes Verstehen des Gegenübers verunmög auch nützlich weil sie eine rasche Kommunikation
ermöglichen, auch wenn sie richtige Verslichen.

Gerade bezüglich Žižek’s Aussage, dass man Worte foltern müsse, um nicht Menschen zu foltern, erscheint mir diese Erkenntnis dennoch essentiell.
Worte können verschleiern, beschönigen und gerade dann – in ihrer
abstrakten Schönheit Rechtfertigung sein, Absolution erteilen und
Ideologie vermitteln. Žižek bezog sich in seinem Vortrag vor allem
darauf, dass wenn eine kunstvolle Anordnung von Worten, wie zum Beispiel ein Haiku, mit jedem beliebigen Inhalt gefüllt werden kann und
konsequenterweise immer noch als Kunst gilt, Poesie als Transportmittel
für Ideologie funktionieren und „gute Leute zu schlechten Taten“
korrumpieren kann. So werden Aufrufe zu Greueltaten im Namen des
Vaterlandes, des Glaubens und der Überzeugung in schönen arbiträren
Worten ausgedrückt, in abstrakte Wortgebilde gepackt zu gefährlichen
trojanischen Pferden.

Quid quid id est, timeo danaos et dona ferentis…

Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen. Und ich
fürchte grosse ideologieschwangere Reden und Propaganda, egal aus wessen Mund sie kommen.

Footnote: Ideology creeps quickly into any languages, languages that
seek to oppose it no less. If you want to experience passion and
liberty, the last think you should do is make up slogans about them.
This footnote itself is a pernicious little thing – just more
abstractions about abstractions – put the book down, stop
conceptualizing – get out there and LIVE, whatever that means! Enough
expounding, rationalizing, glorifying … distrust any words and symbol
intended to capture the things that make life matter, political
pomposities above all! Words can only express reality accidentally, and
then only briefly. Cornered by the inertia of our own rhetoric, we must
finally take a stand against speech itself – and FOR expression, but in
ACTION alone, the only place where it can avoid being burdened by the
dead weight of ideology. That is so to say – it is only sufficient to
speak when, in speaking you are acting. So unless you have hit upon a
way to turn all this theory into actual life – throw this treatise
aside. (The treatise, of course goes on undaunted, forgetful of its own
demands, as ideology always does and is.)

Hochachtungsvoll, Kalefinja Audacia

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